CEO-Standpunkt: Ein Sitz, mehrere Leben – warum wir den Produktlebenszyklus vom Ende her denken

Immenstaad, 21. Juni 2023 – Flugzeugsitze bleiben selten länger als acht bis zehn Jahre in einer Kabine. Raffael Rogg, Geschäftsführer der ZIM Aircraft Seating GmbH, über Öko-Design, Rücknahme und Wiederaufarbeitung – und darüber, warum der Produktlebenszyklus eines Sitzes lange vor der ersten Zeichnung entschieden wird.

Nachhaltigkeit entsteht in der Konstruktion, nicht in der Entsorgung

Wir überdenken jede Phase des Produktlebenszyklus, bevor eine Entwicklung beginnt – als konstruktive Vorgabe, nicht als Haltung: Monomaterialien statt schwer trennbarer Verbunde, modularer Aufbau statt integraler Bauteile, Schrauben statt Kleben. Jede dieser Entscheidungen erleichtert später Demontage und Materialtrennung. Den Rahmen dafür bildet unser Umweltmanagement nach EMAS.

Materialien, die sich am Ende wieder trennen lassen

Am deutlichsten wird das bei den Polstern: Für die Schaumstoffauflage entwickeln wir eine Alternative aus einem Gewebe mit Netzstruktur, vergleichbar mit einem Trampolin. Ein solches Bauteil lässt sich nach der Nutzung sortenrein zurückführen, während verklebte Schaum-Bezug-Verbunde praktisch nur als Abfall enden. Genau diese Frage – was passiert am Ende mit dem Bauteil? – gehört für uns in das Lastenheft, nicht in den Nachhaltigkeitsbericht.

Rücknahme, Überarbeitung, zweites Leben

Ein Sitz erreicht das Ende seines Lebens nicht, wenn eine Airline ihn ausbaut: Nach acht bis zehn Jahren in der Kabine wird er getauscht, ist technisch aber längst nicht verbraucht. Wir nehmen diese Sitze kostenfrei zurück, arbeiten sie auf, passen Bezüge und Module an die Anforderungen kleinerer Fluggesellschaften an und geben sie erneut in den Betrieb – es gibt Airlines, die runderneuerte Sitze bewusst bevorzugen. So bekommt ein Sitz ein zweites, mitunter ein drittes Leben. Endgültig entsorgt wird er erst, wenn er im Vergleich zur nächsten Generation gebrauchter Sitze zu schwer ist.

Aus der Rücknahme ist eine eigene Wertschöpfungskette geworden – der entscheidende Unterschied zu einer Nachhaltigkeitsinitiative: Sie trägt sich wirtschaftlich selbst. Die nachhaltige Bauweise macht den Sitz in der Anschaffung teurer; für eine Airline sind über die Nutzungsdauer aber Betriebskosten und CO₂-Ausstoß relevanter.

Referenz Austrian Airlines: Kabinen werden erweitert, nicht ersetzt

Wie tragfähig dieser Ansatz ist, zeigt der Premium-Economy-Ausbau bei Austrian Airlines: Die Fluggesellschaft hat die Klasse auf ihrer Langstreckenflotte in mehreren Schritten vergrößert und setzt dabei den ZP610 ein. Das Programm greift auf eine eingeführte, zugelassene Sitzplattform zurück – die bestehende Kabine wird erweitert, statt sie zu ersetzen. Genau deshalb lohnt es sich, ein Produkt über viele Jahre pflegbar und nachbaufähig zu halten.

Fazit

Ein Sitz wird nicht am Ende seiner Nutzung nachhaltig, sondern in der Konstruktionsphase. Kreislaufwirtschaft ist für uns deshalb kein Nachhaltigkeitskapitel, sondern Teil der Produktentwicklung.

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